SchneiderSchuhmacher

Ein deutsches Haus

In und mit der Geschichte wohnen

Haus Schneider von Schneider + Schumacher in Darmstadt

 

Wo Menschen leben, hinterlassen sie Spuren. Zu den beständigeren zählen Bauwerke. Solide errichtete Gebäude überdauern Jahrhunderte und prägen den Lebensraum der Menschen und damit die Menschen selbst. Mit ihnen fließt die Hinterlassenschaft früherer Generationen in die Gegenwart ein und trägt zur Herausbildung und weiteren Entwicklung der kulturellen Identität einer Gemeinschaft bei. Doch es kann bei diesem Prozess der Kulturbildung auch zu Verlusten kommen, etwa wenn die Zeugnisse des Vergangenen plötzlich verschwinden oder allmählich an Präsenz verlieren, indem sie sich durch ihren Verfall der Wahrnehmung und damit auch dem Bewusstsein der Menschen entziehen.

Deutschland gehört im europäischen Kontext sicherlich zu denjenigen Ländern, in denen die baulichen Zeugnisse der Vergangenheit eher dünn gesät sind. In der wechselvollen Geschichte des Landes ist tatsächlich immer wieder sehr viel verloren gegangen. Ein Grund dafür waren die Kriege, nicht allein die des zwanzigsten Jahrhunderts; politische, soziale und wirtschaftliche Umwälzungen gaben den Städten den Rest. Was der militärischen Gewalt entkommen konnte, ist vielfach dem kollektiven wie privaten Zerstörungstrieb im Zuge von Wiederaufbau, Umbau und Modernisierung zum Opfer gefallen. Als Folge davon bestehen die im Zweiten Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogenen mittleren und größeren Zentren und auch die nach dem Krieg wirtschaftlich erfolgreichen Städte hauptsächlich aus neueren Bauten.

Der starken Gegenwart steht hier eine nur schwache Geschichte gegenüber, eine Geschichte, die sich aus Fragmenten zusammensetzt. Zu den sichtbarsten Fragmenten zählen die Bauwerke; die Präsenz der mehrfach überbauten städtebaulichen Strukturen, der vielfach über Jahrhunderte gewachsenen und dementsprechend komplexen Stadtgrundrisse ist subtiler.

Gerade in den Innenstädten, die am meisten von Krieg und Modernisierungswut getroffen worden sind, ist die Präsenz der Geschichte so schwach, dass man sie übersehen könnte, wäre da nicht etwas, das zwar nicht an das Alte an sich, dafür aber die Auslöschung des Alten erinnert. Gemeint ist das seltsame Nebeneinander von "Überbleibseln" der Geschichte und den sich historisch desinteressiert gebenden, nüchternen Neubauten. Da stehen sich Nutzungen, Materialien und Tragwerke, Dimensionen, Maßstäbe und Proportionen, Formen und Räume stumm, wenn nicht rücksichtslos gegenüber. Die städtebaulichen Widersprüche zwischen der Kleinteiligkeit der historisch gewachsenen Grundstruktur und dem großen Maßstab der darüber gelegten modernen Infrastruktur sind besonders gut aus der Luft zu sehen. Vor Ort sind diese Widersprüche etwa an den Konflikten zwischen der angestrebten Ideallinie des modernen Verkehrs und der Führung der alten Straßen und Plätze zu erkennen, Konflikte die sich im Detail bei der Gestaltung der Böden, der Möblierung der öffentlichen Räume und der Beschilderung fortsetzen.

Immer wieder wollen Alt und Neu nicht zusammenpassen. Das in der Tat seltsame Nebeneinander beider verlangt nach einer Erklärung. Ist es die Unfähigkeit der modernen Welt, sich als Teil der Geschichte zu erkennen und im Frieden mit den vergangenen Zeiten und ihrer Hinterlassenschaft zu leben, die sich hier zeigt, also ein allgemeines Problem des Industriezeitalters? Oder sind die Schwierigkeiten mit der Geschichte eher ein deutsches Problem? Äußert sich hier vielleicht immer noch die beklagte Unfähigkeit zu trauern der Nachkriegszeit – über die in Nationalsozialismus, Holocaust und Weltkrieg auf sich genommene Schuld, über den verlorenen Krieg, über die Zerstörung der Städte, über die Teilung des Landes? Schmerzen diese Erinnerungen, Schuldgefühle und Ängste bis heute so sehr, dass sie weiterhin verdrängt werden müssen? Oder stehen die Schwierigkeiten im Umgang gerade mit der älteren Geschichte im Zusammenhang mit ihrem ideologischen Missbrauch im Nationalsozialismus?

Angesichts der Intensität dieses Konflikts in Deutschland möchte man meinen, dass hier alle diese Gründe gleichzeitig wirken. Auf der einen Seite wird die Modernisierung der Stadt bis ins Detail vorangetrieben. Mit gleicher Inbrunst wird die Rekonstruktion im Krieg verloren gegangener historischer Bauten angestrebt. Doch was soll am Ende des einen wie des anderen Weges stehen? Hier die Idealstadt der Gegenwart, dort die Idealstadt der Geschichte?

So gegensätzlich beide Bestrebungen auch erscheinen mögen, so bilden sie doch die zwei Seiten einer und derselben Medaille. Sie verbindet der unbedingte Wille, die Zeit, den Lauf der Dinge, das Altern, die Vergänglichkeit insgesamt zu negieren und aufzuhalten. Doch geht das überhaupt? Und kann es gut gehen? Besteht Leben nicht vielmehr darin, sich dem Lauf der Dinge auszusetzen, zu altern, im Vergehen zu sein? Wie erfüllt leben, ohne dies?

Der Ort und das Haus

Es mutet schon seltsam an, dass ausgerechnet ein letztendlich so einfacher und bescheidener Bau wie das Haus von Till Schneider in Darmstadt solche Gedanken und Gefühle weckt. Streng genommen ist an diesem Haus tatsächlich nichts, was beanspruchen würde, architekturtheoretisch oder gar philosophisch furchtbar ernst genommen zu werden, etwa als Position gegenüber Geschichte und Gegenwart. Das Beeindruckende ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, die es im Umgang mit dem historischen Bestand vor Ort an den Tag legt. Wenn das ausreicht, um aufzufallen, dann wohl weil eine solche Selbstverständlichkeit andernorts so selten ist, weil es sonst – besonders in Deutschland – so wenig zu geben scheint zwischen Gegenwart und Geschichte, zwischen der Zerstörung von Geschichte und dem unbedingten Festhalten an ihr. Das Haus von Till Schneider demonstriert dagegen schlicht und einfach, wie Gegenwart und Vergangenheit sehr real in ein nach vorne gerichtetes Handeln zusammenfließen können.

Präsent wird die Geschichte bei diesem Projekt durch die Lage des Hauses im kleinen Dorf Bessungen am südlichen Stadtrand Darmstadts, das aus einer alten germanischen, fränkisch-merowingischen bäuerlichen Siedlung aus dem 6. Jahrhundert hervorging und erstmals im Jahr 1013 urkundlich erwähnt wurde. Die Familie Schneider kam irgendwann im 17. Jahrhundert hierher, in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, den in Bessungen nicht mehr als dreißig Menschen überlebten. Inwieweit dieser Krieg, der so gewaltsam wütete und ganze Städte ausradierte, auch das unbedeutende Bessungen verwüstete, ist nicht im Detail bekannt. Doch gelten die ältesten der erhaltenen Bauten als jünger.

Speziell die heute noch an der Niederstraße erhaltenen Fachwerkhäuser, zu denen auch das der Familie Schneider zählt, stammen, wie denkmalpflegerische Studien belegen, allesamt aus den Jahrzehnten um 1750. Das prominenteste, das so genannte "Haus des Henkers" mit der Hausnummer 2, ein zweigeschossiges, mit dem Giebel zur Straße stehendes Haus mit einem Krüppelwalmdach und so genannten Schleppgauben, wurde 1744 errichtet. Die weiteren Bauten an der Niederstraße, darunter das mit der Nummer 8 gekennzeichnete der Familie Schneider, wurden nicht weiter studiert und datiert; dafür erschienen die einfachen Wohnräume, Lager und Stallungen als zu unbedeutend. Das sind sie aus der Sicht der Kunstgeschichte wohl auch. Für den Ort sind sie jedoch von unschätzbarem Wert, wären ohne sie die Niederstraße und Bessungen insgesamt nicht das, was sie sind. Häuser wie diese begründen die Identität des Ortes und liefern die anderswo fehlende sichtbare, erlebbare Verbindung zur so langen wie reichen und vor allem wechselvollen Geschichte des Ortes.

Glücklich wer in einer solchen historisch gewachsenen Umgebung leben darf, möchte man meinen! Doch zu dürfen ist das eine, aus der Situation etwas zu machen – sie zu würdigen, ihr gerecht zu werden, effektiv von ihr zu profitieren – ist etwas anderes. Wie es die auch in Bessungen hier und da zu Tode sanierten Altbauten mit ihren Kunststofffenstern, auf alt getrimmten neuen Holzbalken, frisch lackierten Natursteinflächen, asphaltierten Höfen und perfekt gepflegten Gärtchen mit Brunnen, Teich und Gartenzwergen belegen, mangelt es auch hier gelegentlich an der Fähigkeit, sich heute in der Geschichte gut einzurichten.

Wenn Till Schneider dies gelang, dann vielleicht auch, weil es ihm die Niederstraße leicht gemacht hat. Die Niederstraße gehört zwar zu den ältesten Straßen des Dorfs, doch um die "große" Geschichte ging es hier nie. Hier prägte und prägt auch heute noch immer nur der Alltag. Daher erscheint das sehr entspannte Verhältnis, das Till Schneider im Umgang mit dem Bestand an den Tag legte, an diesem Ort nur natürlich: dies ist schlicht und einfach kein Ort für laute Statements.

Till Schneider kam 1982 mit 23 Jahren als junger Architekturstudent der TU Darmstadt von Baden-Baden, wohin sein Vater übergesiedelt war, in das alte Haus der Familie nach Bessungen zurück, das er von den Besuchen bei seinen Großeltern kannte. Zunächst wohnte er in der alten Werkstatt am Hof, die er 1986 umbaute und in der er später auch seine eigene Familie gründete. In den neunziger Jahren ließ er sich im hinteren Bereich nieder und baute dafür 1998 die alte Scheune, die zuvor auch als Schweinestall genutzt worden war, um.

In seiner "Wanderung" durch die verschiedenen, örtlich hintereinander und zeitlich nacheinander entstandenen Teile hat Till Schneider gewissermaßen die Entstehungsgeschichte der Hofanlage nachvollzogen. Hier ist im Laufe der letzten gut zweieinhalb Jahrhunderte ein Ensemble entstanden, das, wie man sieht, aus mehreren Teilen besteht. In diesem Ensemble ist das Fachwerkhaus, von dem irreführenderweise sonst fast ausschließlich die Rede ist, nicht mehr als das vorderste und älteste Glied. Das Eigentliche ist aber hier nicht das Fachwerkhaus, sondern das Ganze: die Hofanlage, die sich aus dem vorderen Hof, den verschiedenen Bauten und dem hinteren Garten zusammensetzt.

Wenn hier ein Teil wichtiger ist als die anderen, dann ist es der Hof, von dem aus alle Teile der Anlage, also auch das Fachwerkhaus, erschlossen werden. Der Eingang von der Straße zum Hof befindet sich an der mit rund 14 Metern schmalen Seite des mit 61 Metern sehr tiefen, leicht keilförmig zulaufenden, im hinteren Bereich nicht mehr als sechs Meter breiten Grundstücks. An diesem Hof, der fünf Meter breit und 25 Meter tief ist, sind alle Einzelbauten derart aneinandergereiht, dass sie zusammen im Grundriss ein "L" bilden.

Da die Bauten den Hof an zwei Seiten umschließen und dabei einem klaren Plan folgen, sprechen die Bauforscher von einer "geregelten Hofanlage" und speziell von einem "Zweiseithof"; von der Idealform eines "Zweikanters" hätten sie dann gesprochen, wenn die Dachfirste der Einzelbauten aufeinander abgestimmt wären und alle zusammenhängen würden, was hier aber nicht der Fall ist. Wie die präzise Terminologie zu verstehen gibt, wurden Bauernhöfe früher sehr bewusst und sehr gezielt bestimmten Typen folgend geplant und gebaut. Diese Typen sind durch die Organisation der Hofanlage als Ganzes charakterisiert, aber auch durch die Bauweise und die Erscheinungsform der Einzelbauten. Es kann sehr eindeutig zwischen bestimmten Hof- und Gebäudetypen und auch zwischen unterschiedlichen Bauweisen und Formensprachen unterschieden werden. Tatsächlich ist die Vielfalt an ländlichen und dörflichen Bautypen im deutschsprachigen Raum sehr groß.

Durch die Reihung von "Zweiseithöfen" ist an der Niederstraße ein sehr einprägsames Stadtbild entstanden, bei dem sich die mit vielleicht 1,80 Metern eher niedrigen Umfassungsmauern mit den Eingangstoren und die mehrmals so hohen Fachwerkhäuser abwechseln. Die Umfassungsmauern und Tore stellen horizontale Elemente dar, die die Kontinuität des Straßenraums betonen; die Häuser bilden vertikale Akzente, wobei die geneigten Dachflächen und die zur Straße gerichteten Giebel das Straßenprofil weiter bereichern. Weiterhin ist das Stadtbild der Niederstraße durch die leicht geschlängelte Straßenführung geprägt, die eine allmähliche Entstehung Hof für Hof ohne genauen Plan und damit Spontaneität suggeriert. Zugleich vermittelt die regelmäßige Wiederholung definierter Bautypen einen Sinn für Ordnung. Beides zusammen macht den besonderen Charakter dieses Orts aus.

Eine große Bedeutung für den Charakter des Orts hat auch die formale Ausbildung der Fachwerkhäuser im Detail. Im fränkisch geprägten Bessungen wurden die Häuser selbstverständlich im fränkischen Stil gebaut, dem eine strenge Struktur von vertikalen Ständern, horizontalen Riegeln und diagonalen Bändern zugrunde liegt. Wie den Fassaden an der Niederstraße zu entnehmen ist, konnte die fränkische Bauart bei aller Strenge auch malerische Züge entfalten, wenn – wie hier – eher kleine Ständer und Riegel sowie gekrümmte Bänder verwendet wurden. Insgesamt verrät die unregelmäßige Anordnung aller Elemente beim Haus Nummer 8 zudem, dass man es hier, wie schon bei der Planung des Hofs insgesamt, mit der Einhaltung von Regeln nicht so genau nahm. Der solchermaßen unprätentiösen Architektur fehlt es – wie der Niederstraße als ganzer – aber dennoch weder an Charme noch an Prägnanz.

Die weiteren Teile der Hofanlage richteten sich nach innen und waren städtebaulich nicht relevant; sie komplettierten die Umbauung des Hofs und beinhalteten die funktional notwendigen Arbeits- und Lagerräume. Der verputzte Massivbau gleich neben dem Fachwerkhaus stammt aus den Jahren um 1900, wie die allesamt zaghaften Dekorationselemente – der Sockel, die Umrahmung von Tür und Fenster – verraten. Ob dieser Bau damals neu entstand oder einen Vorgänger ersetzte, was wahrscheinlich ist, ist nicht bekannt. In diesem Bau befand sich zuletzt die Werkstatt von Tills Großvater, der Wagner gewesen war und sich auf die Herstellung von Wagenrädern spezialisiert hatte, bevor er auf Leitern umstieg, als die Nachfrage nach Wagenrädern sank; in den Generationen davor waren die Schneiders Bauern gewesen. Wieder später entstanden in diesen Räumen zwei Wohnungen; die hintere wurde 1986 von Till Schneider für den eigenen Gebrauch um- und ausgebaut und erhielt bei der Gelegenheit ein tonnenförmiges Dach; die vordere wurde später saniert und bekam 1992 ein neues Satteldach in der Verlängerung des Dachs des Fachwerkhauses.

Im hinteren Teil des Hofs steht die alte Scheune, ein Backsteinbau mit innen liegender Holzkonstruktion, der in der aktuellen Fassung im 19. Jahrhundert errichtet wurde. Diese Scheune schließt den Hof räumlich ab und trennt ihn von dem so schmalen wie tiefen Garten im hintersten Teil des Grundstücks. 1996 begann Till Schneider, in diese Scheune die Wohnung hineinzubauen, in der er seit 1998 mit seiner Familie wohnt. Von den neuerlichen Einbauten ist beim Besuch des Hofs jedoch zunächst nichts zu sehen.

Das Alte ist alt, das Neue neu

Betritt man von der Straße aus die Anlage, eröffnet sich einem nach wie vor der vom Wohnhaus, den Werkstätten und der Scheune umfasste schmale und tiefe Hofraum. Rasch gewinnt man einen Überblick über die verschiedenen Teile der Anlage und die Lage der jeweiligen Eingänge. Auch heute noch wird die Atmosphäre des Hofs in erster Linie durch die alten Fachwerk‑, Putz- und Backsteinfassaden geprägt. Genauso wichtig wie sie ist das nicht minder alte, hier und da ausgebesserte Kopfsteinpflaster und vielleicht auch noch die Schatten und Stimmung spendenden Bäume und Rangpflanzen – auch bei ihnen meint man, sie könnten schon immer hier gestanden haben. Veränderungen scheint es nur bei den Fahrzeugen und Gerätschaften gegeben zu haben: früher dürften es Karren, Landmaschinen und Werkzeuge gewesen sein, heute sind es eben die Abfallcontainer gleich am Eingangstor, die Fahrradständer, Fahrräder und Roller gleich dahinter, gefolgt von einzelnen Pflanztrögen und dem großen Tisch ganz hinten an der Scheune mit den dazugehörigen Bänken, dem Grillgeschirr und dem, was notwenig ist, um sich hier wohnlich einzurichten.

Der bauliche Rahmen ist also der alte geblieben, nur die Nutzung hat sich geändert. Vor allem aber wirkt alles alt, so alt wie es eben ist. Nirgendwo ist mit dem alten Staub auch die Patina entfernt, nirgendwo ein perfekter Erhaltungszustand simuliert worden. Wenn man den alten Geschichten, die die Mauern und Böden bis heute erzählen, so gerne folgt, dann weil die alten Steine, Ziegel und Balken durch die erlittenen Verletzungen, Gebrauchsspuren und sonstigen Alterungserscheinungen Authentizität vermitteln.

Befand man sich im vorderen Teil des Hofs in einem halböffentlichen und im hinteren in einem halbprivaten Bereich, beginnt der private mit dem Betreten der alten Scheune. Von der neuen Nutzung im Inneren ist man zu diesem Zeitpunkt allein durch zwei sehr große, scharf in die alte Ziegelfassade geschnittene, leicht getönte Glasflächen hingewiesen worden, die aber beide die Umgebung und den Himmel widerspiegeln und dementsprechend nicht in aller Konsequenz wahrgenommen werden. Die eine nimmt die Öffnung des alten Scheunentors auf und dient auch heute als Eingang; die zweite, ein Fenster, befindet sich auf der Höhe des ersten Obergeschosses.

In vollem Umfang wird man mit dem Neuen erst konfrontiert, wenn man das Innere der Scheune betreten hat. Hat man die Schwelle überschritten, eröffnet sich vor einem eine neue und in der Form nicht erwartete, rasch aber selbstverständlich anmutende Wohnlandschaft. Diese Wohnlandschaft setzt sich aus verschiedenen fließend ineinander übergehenden Bereichen und Räumen zusammen. Vom Eingang aus gesehen gleich links befindet sich der Bereich der Küche um einen zentralen, frei im Raum stehenden, flachen Container mit allem, was an Apparaturen und Schränken benötigt wird. Dahinter gibt es eine gemütliche Sitzecke, und zwar auf einem Podest, das – wie man später erfährt – einen kleinen Kellerraum überwölbt. Rechts davon schließt sich der Essbereich an. Vom Eingang aus geradeaus gesehen und noch vor diesem Essbereich befindet sich die leichte, nach oben führende Stahltreppe und rechts von ihr hinter einem Paneel die kompakte Zelle mit der Garderobe und der Gästetoilette.

Was hier an neuen Einbauten eingefügt wurde, beschränkt sich auf ein Minimum; zugleich sind alle neu hinzugekommenen Teile sehr modern gestaltet und konstruiert worden, also eindeutig als neu zu erkennen. Der Rahmen, in dem sie stehen, ist dabei weitgehend so geblieben, wie er vorgefunden wurde: wie schon im Hof sind auch im Inneren die alten Steinmauern nur gereinigt, ansonsten in ihrer ganzen Rohheit erhalten worden; und auch der alte Steinboden ist wo immer möglich unverändert geblieben; die vorgefundenen steinernen Futtertröge zwischen Küche und Wohnraum stehen noch immer auf ihrem Platz, und auch die Klappe über der in den Kellerraum führenden Holztreppe und die Treppe selbst sind noch die alten.

Damit nicht genug, ist auch der Großraum der Scheune insgesamt keineswegs komplett zugestellt worden, sondern im Rahmen des Möglichen wahrnehmbar geblieben. So wurden auch die oberen Geschosse mit den Zimmern der Kinder und der Eltern in einem großen kompakten Einbau zusammengefasst und – wie schon die Kücheninsel – derart in den Raum gestellt, dass sie diesen nicht ganz okkupieren. Im Detail wurde der neue Körper perfekt orthogonal ausgebildet und an drei Seiten in die ebenso orthogonalen alten Wände eingepasst. Die vierte Wand aber bricht – bedingt durch die sich verjüngende Form des Grundstücks – aus der orthogonalen Geometrie aus, sie geht ihren eigenen Weg und lässt dabei einen keilartigen Luftraum zwischen Alt und Neu entstehen, der unten im Erdgeschoss an der Küche und der Sitzecke beginnt und oben bis ganz unter den Dachfirst führt. Wie nebenbei bleibt die alte Mauer in ihrer ganzen Ausdehnung und steinernen Pracht im Originalzustand erhalten.

Mit der materiellen Beschaffenheit und den konstruktiven Details der Einbauten befasst man sich erst, wenn man mit ihnen in Kontakt kommt, zum Beispiel auf dem Weg nach oben über die sehr reduziert gestaltete, einläufige Stahltreppe. Erst beim Durchschreiten der präzise in die Decke geschnittenen Öffnung der Treppe wird einem die extrem schlanke und leichte Stahlkonstruktion der Decke mit den weit über den gesamten Raum spannenden, an der Eingangseite und der Gartenseite ruhenden Trägern bewusst. Oben sind von einem Aufenthaltsraum aus zwei Kinderzimmer und das gemeinsame Badezimmer zu erreichen. Was hier aus Glas und Metall sein konnte, wurde auch in Glas und Metall ausgeführt, bis hin zu dem transluzenten Glasboden des Aufenthaltraums, unter dem sich der Essbereich befindet. Durch diese Lösung ist innerhalb der ja weitgehend geschlossenen alten Mauern ein hohes Maß an räumlicher Großzügigkeit erzielt worden. Vorhänge sorgen, wo und wann man dies will, für die notwendige Intimität. Beide Kinderzimmer erhielten sehr große, die gesamte Breite des Raums beanspruchende Fenster; das des vorderen Zimmers orientiert sich zum Hof und war bereits beim Betreten des Hauses zu sehen, das des hinteren öffnet sich zum rückwärtigen Wintergarten. Vom Aufenthaltsraum aus führt eine weitere einläufige Stahltreppe an den alten Mauern entlang hinauf auf die den Eltern vorbehaltene Ebene, einer praktisch im Raum platzierten Terrasse, die nach oben nur durch das alte Satteldach gefasst wird.

Bei dem Wintergarten handelt es sich um einen neuen Raum, der dem Haus im rückwärtigen Bereich angefügt wurde und der den Übergang vom Haus in den Garten komplett neu definiert. Gefasst wir dieser Raum zur einen Seite durch die alte Fassade der Scheune, die sich aus Bruchstein mit Ziegeleinlassungen und einzelnen Holzbalken zusammensetzt, und zur anderen Seite durch eine Industriefassade mit schlanken Metallprofilen und großformatigen, getönten Glasscheiben. Der neue Holzboden ruht auf einer Stahlkonstruktion; unter ihm entstand Stauraum für Gartengeräte. Ein paar Stufen führen hinunter in den Garten.

Im Garten befindet sich man in einer weiteren neuen Welt. Hier beherrscht der sehr große Himmel den Raum. Das Grün, das sich aus den nur durch leichte Zäune voneinander getrennten privaten Gärten zusammensetzt, erlebt man hier als eine Landschaft im Kleinen. Begrenzt wird dieser Raum durch die Gartenseite der Häuser, doch bilden diese keine harte zusammenhängende Front, sondern eine weiche mäanderförmige Kontur, die kaum zu überschauen ist und nicht mit dem Grün konkurriert. In dieser Situation ist die Erscheinungsform der einzelnen Häuser letztendlich belanglos. Dies gilt auch für das Haus von Till Schneider, dessen industrieller Gartenfassade so gar nicht zu den ansonsten hier inszenierten Idyllen passen will und schon deswegen dem einen oder anderen Nachbarn Bauchschmerzen bereitet haben dürfte. Dabei entzieht sie sich aber tatsächlich durch den sich in ihr spiegelnden Himmel und Bäume weitgehend der Wahrnehmung.

Bei der Entscheidung für diese Lösung kam derselbe gestalterische "Trick" zur Anwendung wie sonst im Haus. Auch hier werden vorgefundene und neue Elemente vorurteilsfrei nebeneinander gestellt. Ob sie zueinander passen oder nicht, ist eine Frage, die nicht grundsätzlich, sondern nur im konkreten Fall entschieden wird. Und die vielen Fälle, in denen Alt und Neu in praktischer – funktionaler, konstruktiver – wie in ästhetischer Hinsicht sehr gut zusammen passen, belegen die Richtigkeit dieses planerischen, konstruktiven und gestalterischen Ansatzes im Umgang mit historischer Bausubstanz.

Gestalterisch könnte man von einer Collage sprechen, bei der alle Teile ihre Eigenständigkeit behalten und doch zu einem faszinierenden Miteinander finden. In diesem Miteinander kommt jedes Teil in seiner Individualität und mit seinen speziellen materiellen und ästhetischen Qualitäten besser zur Geltung, als wenn es allein und für sich stehen würde; so gesehen ist das Ganze mehr als die Summe der Teile. Nach diesem Prinzip ist hier mit den Materialien, den Bauelementen und der Konstruktion als Ganzer umgegangen worden, aber auch mit der Nutzung.

In funktionaler Hinsicht ist ein alter, für eine Nutzung als Scheune und Stall ausgestatteter Raum mit allem, was die neue Nutzung als Wohnraum erforderte, zusammengekommen. Das Neue verdrängt das Alte nicht, und das Alte steht dem Neuen auch nicht im Weg. Alt und Neu finden zu einem Miteinander, in dem das Alte erhalten werden kann und die neuen Nutzungen bereichert. Zugleich findet das Neue eine Form, sich voll zu entfalten, ohne Kompromisse einzugehen. Das selbstbewusste Miteinander von Alt und Neu verleiht dem Alten wie dem Neuen eine neue Dimension. Das Alte gewinnt die verloren geglaubte Zukunftsfähigkeit zurück, die seriellen Standardlösungen von heute strahlen eine Individualität aus, die man ihnen nie zugetraut hätte. Gegenwart und Geschichte potenzieren sich gegenseitig und steigern das Erleben durch die Menschen: das Erleben eines Orts, von Raum, Form und Material, das Erleben der Menschen von sich selbst. Wenn das keine gute Art ist, sich in der Geschichte einzurichten!

 

© 2005 Manuel Cuadra

Erschienen in: Beziehungen. Hrsg.: Ingeborg Flagge. Junius Verlag Hamburg, 2005.

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