niteroi

Architektur als Einheit der Gegensätze

Das Museum für Gegenwarts-Kunst im brasilianischen Niterói

Architekt: Oscar Niemeyer

 

Le Corbusier soll von Oscar Niemeyer, dem Architekten Brasilias, gesagt haben, er trage die Landschaft seiner Heimatstadt Rio de Janeiro mit ihren wild aus dem Meer, der Küste und dem Urwald brechenden Felsen permanent in seinen Augen. Der neueste, erst kürzlich fertig gestellte Bau des inzwischen neunzigjährigen Altmeisters in Niterói zeigt, was Le Corbusier damit gemeint haben könnte. Wie schon früher im Werk Oscar Niemeyers werden auch dieses Mal Natur und Architektur in einer magischen Art und Weise eins.

 

Wäre eine so große Harmonie von Landschaft und Architektur in der heutigen Welt nicht so selten und unsere Sehnsucht danach nicht so immens, wäre zugleich die von Oscar Niemeyer für das Museu de Arte Contemporânea in Niterói gefundene Lösung nicht so verblüffend einfach, man könnte sich angesichts der Schönheit der Bilder schlicht zurücklehnen und träumen. Perplex über die selbstbewusste, auf den ersten Blick vielleicht sogar rücksichtslos anmutende, ja freche Art, in der der Neubau seinen Platz einnimmt und seine Umgebung genauso wie den Betrachter vor vollendete Tatsachen stellt sind inzwischen nur noch die europäischen Besucher. Die Bürger des direkt gegenüber von Rio de Janeiro an der Bucht von Guanabara gelegenen mittelgroßen Industriezentrums identifizieren sich dagegen sehr gerne mit ihrem neuen Nachbar und freuen sich über das internationale Interesse an dem Meisterbau.

Offenbar ist es vor allem die Entschiedenheit des Entwurfs an einer so delikaten und damit auch schwierigen landschaftlichen Situation die das europäische Auge irritiert. Angesichts der wilden Schönheit dieser Küstenregion mit dem hier grenzenlos erscheinenden Himmel, dem tief blauen Meer, der auch heute noch sehr dichten, dunkelgrünen Vegetation des Urwalds und der vielen wie aus dem Boden wachsenden, unerhört prägnanten Felsformationen – wer kennt sie nicht, den hierzulande "Zuckerhut" genannten Pão de Açúcar und  den Corcovado – hätte man ein vorsichtigeres Handeln erwartet, ein Taktieren vielleicht, ein Kompromiss. Zu groß wäre die Angst vor einer Störung gewesen, die die Harmonie und damit auch die Faszination dieses Ortes in das Gegenteil auflöst, in Chaos nämlich. Um so mutiger erscheint heute, wo der Bau realisiert ist, Oscar Niemeyers Entwurf, ja, man bewundert, wie es ihm gelungen ist, Konflikte und Widersprüche gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Einmalig ist an dem Bau tatsächlich so einiges. Worin man, wenn man böswillig ist, ein einem James Bond Film der siebziger Jahre entnommenes  Raumschiff oder eine gerade hier gestrandete Unterwasserstation erkennen kann, stellt eine im Grunde ebenso direkte wie unkomplizierte Lösung dar. Von einer behutsamen Anpassung des allseitig freistehenden Objektes an die Umgebung im Sinne einer Unterordnung der Architektur kann keine Rede sein. Vielmehr hat man es hier mit einem gleichberechtigten Miteinander von natürlicher und gebauter Umwelt zu tun, mit einer Synthese von Landschaft und Architektur also.

Alternativen zu einem derart radikalen Eingriff sah Oscar Niemeyer offenbar nicht. Angesichts der Prominenz der für das Museum vorgesehenen, an drei Seiten vom Meer umgebenen, vom Land wie vom Wasser von weitem einsehbaren Lage auf einer kleinen Landzunge blieb ihm nichts anderes übrig, als die Konkurrenz mit der Landschaft aufzunehmen. Die Fragen lauteten: Wie hier bauen ohne unterzugehen? Wie bestehen ohne das Ganze zu verschandeln? Eine Gratwanderung stand an. Oscar Niemeyer allein traute man es zu, diese zu bewerkstelligen. Wie von ihm nicht anders zu erwarten, löste er den gordischen Knoten mit einem Schlag: Die Landschaft nach Niemeyer ist nicht einfach die Landschaft vor Niemeyer plus den Neubau, sondern eine neue Landschaft, eine Landschaft neuer Art, eine Kulturlandschaft.

So klar sich das Ganze auf den ersten Blick darstellt, so komplex ist die Situation bei näherer Betrachtung. Wie so oft im Leben ist Selbstverständlichkeit in der Erscheinung der beste Beweis für höchste Komplexität im Entstehungsprozess. Wie präzise, geschickt und sensibel zugleich Oscar Niemeyer das Museum in die landschaftliche und die städtebauliche Situation einfügte, das erfährt man am besten vor Ort. Aus der Ferne wie aus der Nähe erweist sich die Großform als wohlüberlegte, differenzierte Lösung. Ja, man wird das Gefühl nicht los, jede einzelne Ansicht sei vom Architekten für einem ganz persönlich gestaltet worden.

Von der Landseite aus betrachtet steht das Museum auf einem hoch liegenden Plateau am Ende einer langen Steigung. Die Menschen liebten diesen Ort schon immer wegen des Ausblicks auf die Strände der Umgebung, auf die Bucht von Guanabara und die skyline von Rio. Oscar Niemeyer machte aus dem Plateau einen großen Platz, dessen zackige Konturen der Topografie folgen. Die Aufständerung der Ausstellungsräume lässt den Blick an Kelch und Stiel vorbei in die Landschaft gleiten. Es ist also immer noch möglich hier im Wind zu stehen, auf die Wellen zu schauen und die Sonnenuntergänge zu erleben. Man ist betört von Details wie die parallel zu den Hängen des Pão de Açúcar weit im Hintergrund verlaufenden Kanten des Kelches, aber auch von dem unter dem Kelch eingerichteten, kreisrunden Wasserbecken, den man zunächst für eine Verlängerung des Meeres bis unter dem Bau hält, der aber auch das Sonnenlicht reflektiert und dadurch die Unterseite des Gebäudes beleuchtet.

Der Weg der Menschen von der Straße auf den Platz führt an der direkt am Haupteingang aber diskret seitlich platzierten Rampe vorbei. Über diese Rampe sind die eigentlichen Museumsräume, die Ausstellungsebenen also zu erreichen. Statt den kürzesten Weg dorthin zu wählen, führt die Rampe aber zunächst weg vom Museum in Richtung Strand. Ein erster Schwung nach rechts lässt den Betrachter sich tangential auf den Bau zu zu bewegen – der Kelch steht nun leicht links vor einem –, eine scharfe Linksdrehung führt dann direkt in das Verwaltungsgeschoß. Auf dem Weg in die weiter oben liegenden Ausstellungsebenen windet sich die Rampe spiralartig um sich selbst: Der Blick führt nun zunächst weg von dem Bau und erneut auf den Strand, dann auf den Platz vor dem Museum, auf die Bucht von Guanabara und schließlich erneut auf den Kelch. Berauscht von diesem außergewöhnlichen Raumerlebnis steht der Besucher nun vor seinem Ziel.

Der Weg weiter in den zentralen, zweigeschossigen, fensterlosen Ausstellungsraum führt über eine Eingangshalle. Lichtunempfindliche Objekte werden in einer außen liegenden Galerie gezeigt, die über ein durchgehendes horizontales Fensterband belichtet wird. Die Organisation der Räume überzeugt durch ihre Klarheit. Faszinierend ist aber vor allem der introvertierte Charakter der Räume. Eine für ein Kunstmuseum angemessene klosterartige Stimmung der Kontemplation, der Verinnerlichung und der Reflexion macht sich breit. Der Blick von der Galerie hinaus auf den Strand mit den fröhlich im Wasser planschenden und – man nimmt es an – jauchzenden Kindern lässt die Stille im Inneren noch eindrucksvoller erscheinen. Und auch von dem Wind ist nicht mehr als ein leichtes Rauschen zu vernehmen. Die scheinbare Distanz zur Außenwelt aber erhöht nur die Präsenz der Kunstwerke und mit ihnen die des Meeres, des Himmels, der Felsen. Erneut also dreht sich alles um sie, um die Landschaft – und doch kriegt man nicht genug von ihr.

Mit einer Erfüllung der Bauaufgabe allein haben diese Erlebnisse nicht mehr viel zu tun. Vielmehr geht es um subjektive Empfindungen. Oscar Niemeyer erkannte, dass angesichts der besonderen Situation und der zu erwartenden Schwierigkeiten eine funktional und konstruktiv objektiv richtige Lösung allein kaum geholfen hätte, das Museum auch wirklich zu realisieren. Um zu überzeugen, musste in seinem Projekt vieles zusammenkommen, was die Menschen anspricht. Das aber ist die Spezialität von Oscar Niemeyer. Nicht erst seit Niterói schwingt in seinen Bauten viel mit, was im engeren Sinn nicht zur Architektur gehört: Es geht um die besondere Sensibilität der Menschen vor Ort, um ihre portugiesisch wie afrikanisch geprägte Kultur, rational und sinnlich, raffiniert und instinktiv in einem. Was sich in Samba und Bossa Nova musikalisch in Form von komplexen, weichen und doch präzisen Harmonien, Melodien und Rhythmen ausdrückt, das führt bei Oscar Niemeyer zu geschwungenen und organischen aber stets präzise in Stahlbeton gegossenen Konstruktionen. So gesehen ging es in Niterói um mehr als um die Einbindung eines Gebäudes in die Landschaft. Es ging darum, das innere Bild der Menschen von der Landschaft in Übereinstimmung zu bringen mit der äußeren Landschaft dort draußen, letztendlich also um die Einbindung der Architektur in die Kultur der Menschen. Die Identifikation der Bürger mit ihrem Museum bestätigt den Erfolg Niemeyers und das hohe Niveau seiner baukünstlerischen Leistung.

Zugleich aber ist und bleibt das Museum ein kleines, einfaches Gebäude. Seine Bedeutung liegt nicht in dem materiellen Einsatz, den es bedeutete, sondern in seiner menschlichen Dimension. Trotz der außergewöhnlichen Bedingungen dieses Falles, lässt sich so eine Erfahrung wiederholen. Letztendlich entscheidend ist in dieser Hinsicht die Weitsicht der Bauherren, ihre Fähigkeit, die Besonderheiten der Situation zu erkennen, ihre Sensibilität gegenüber den Ansichten der Menschen, ihr Mut, und nicht zuletzt ihr Vertrauen in die Architektur. All dies vorausgesetzt, kann Niterói überall sein – warum nicht auch in Deutschland?

© 2000 Manuel Cuadra

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