testa

Clorindo Testa
Portrait eines Architekten und einer Architektur

(Auszug aus der Einführung)

In Argentinien von einer breiten Öffentlichkeit als der wichtigste Architekt des Landes im 20. Jahrhundert und als großer Künstler gefeiert, begründet sich die Bekanntheit von Clorindo Testa jenseits der Grenzen seiner Heimat vor allem auf einem Gebäude aus den frühen sechziger Jahren: die Banco de Londres y América del Sud in Buenos Aires. Zweifellos entstand der expressive Sichtbetonbau unter dem Einfluss von Le Corbusier. Zugleich beinhaltete er eine Synthese von Stadt und Architektur vor, die deutlich über das Erbe des französischen Meisters hinausging und Testa in die Nähe der Avantgarde seiner Zeit stellte. International war man geradezu verblüfft über die Aktualität der Konzepte, die dem Bau zugrunde liegen, und über die enorme Konsequenz, mit der diese umgesetzt wurden. So weit weg von den Zentren des Architekturgeschehens rechnete man offenbar nicht mit einem so überzeugenden Beitrag zur Entwicklung der Architektur.

Der heroischen Periode im Werk von Clorindo Testa, die bis in die späten siebziger Jahre reichte und ihm Rahmen derer weitere, wenngleich weniger große und radikale Bauten im gleichen Geist entstanden, folgte eine weitere, in der die Architektur vom Maßstab, dem Charakter und der Sprache her privater, besinnlicher, introvertierter wurde. Beginnend mit dem Centro Cultural de la Ciudad de Buenos Aires stand die Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Geschichte im Vordergrund. Anstatt sich den neuesten Technologien zu verschreiben und diese gestalterisch hervorzuheben, bezogen sich die Bauten nun auch auf traditionelle Architekturformen. Die Faszination, die sie auslösen, ist in ihrer enormen poetischen Kraft begründet, in den Geschichten, die sie erzählen, in der Menschlichkeit, die sie ausstrahlen. Auf dem ersten Blick spielt die Zugehörigkeit oder auch nur die Nähe zu einer Avantgarde keine Rolle große mehr. Im Unterschied zum Frühwerk zeichnen sich Testas spätere Bauten nicht durch Innovationen aus. Das immer wieder Neue an ihnen ist in ihrer Überzeugungskraft und künstlerischen Intensität begründet – auf eine Formel reduzieren lässt es sich nicht.

Vor dem Hintergrund der internationalen Entwicklung betrachtet, stimmt der Zeitpunkt des Richtungswechsels im Schaffen von Clorindo Testa mit des Krise der Moderne in den Industriestaaten überein. Clorindo Testa stand also erneut mit seinem Schaffen auf der Höhe der Zeit. Wie schon in den fünfziger und sechziger Jahren beschränkte er sich aber nicht darauf, globale Entwicklungen lokal nachzuvollziehen. Vielmehr handelte er aus der Situation vor Ort heraus. Mit der Wende in seiner Architektur reagierte er auf eine Krise, die in Argentinien als eine eigene erlebt wurde, ihren Auswirkungen nach zu urteilen aber im Zusammenhang stand mit den internationalen Umbrüchen.

Die Erste und die Dritte Welt: Der internationale Kontext

Ähnlich wie bei Lúcio Costa, Oscar Niemeyer und Affonso Eduardo Reidy in Brasilien, Luis Barragán in Mexiko und Carlos Raúl Villanueva in Venezuela, hat man es bei Clorindo Testa mit einem Architekten zu tun, der zwar in einem lateinamerikanischen Land und damit in der Dritten Welt lebt und baut, sich aber durch seine Arbeit in der Ersten Welt bewegt, und zwar bezogen auf die Qualität seiner Architektur und auch inhaltlich.

Auf der Höhe der Zeit befand sich Clorindo Testa nicht erst mit seinem Projekt für die Banco de Londres y América del Sud von 1959. An die internationale Entwicklung der Architektur klinkte er sich bereits mit seinem Entwurf für das Regierungs- und Verwaltungszentrum in Santa Rosa de La Pampa, das sich zum Zeitpunkt des Wettbewerbes für die Banco de Londres y América del Sud bereits im Bau befand. Die große Affinität der Bauten in Santa Rosa de La Pampa mit dem europäischen "New Brutalism" der fünfziger und sechziger Jahre war nicht zufällig. Als der Wettbewerb für das Regierungsviertel im Jahr 1956 ausgelobt wurde, befand sich Argentinien in einem politischen Umbruch, der alle Bereiche des öffentlichen Lebens und damit auch die Architektur erfasste. Wie den "Brutalisten" in Europa, stand in dieser Zeit auch für Clorindo Testa die ethische Dimension der Architektur im Vordergrund.

Unzufrieden mit der Anpassung und Kommerzialisierung der Moderne in der Nachkriegszeit, wollten die "Brutalisten" Situationen hinterfragen und die Menschen aufwühlen. Für die klassische Schönheit und Eleganz der puristischen Architektur der zwanziger Jahre mit ihren scheinbar immateriellen, durchgehend verputzten und weiß angestrichenen geometrischen Körpern interessierten sie sich nicht. Keine reinen Formen und Räume wollten sie realisieren, keine intellektuellen Gebilde, sondern höchst materielle: reale Konstruktionen, an einen Ort gebunden und mit dem Boden verbunden; aus echten Materialien, die von Menschen Hand und mit der für Menschen typischen Unperfektion verarbeitet wurden, und zwar unter Benutzung von Werkzeugen und Schalungen, deren Spuren genauso erkennbar bleiben sollten, wie die sonst vielfach verborgen gehaltene Haustechnik. Nicht als intellektuelles und künstlerisches Gebilde allein sollten die Menschen Architektur erfahren, sondern sie sollten vor allem mit ihr konfrontiert werden. Nackt sollten sich die Strukturen präsentieren, brutal echt und ehrlich. Den "Brutalisten" ging es damit in erster Linie um eine ethische Wiederbelebung der Architektur, darum, ihre Verantwortung als Architekten in ihrem Metier wieder aktiv wahrzunehmen: um Wahrheit und Objektivität beim Bauen, um Material- und Konstruktionsgerechtigkeit. Damit verbunden begründeten sie aber auch eine neue Ästhetik.

Als Testa mit der Arbeit an dem Wettbewerbsentwurf für Santa Rosa de La Pampa begann, war der Begriff "New Brutalism" gerade zwei Jahre alt: Alison und Peter Smithson hatten ihn im Frühjahr 1954 geprägt. Dieses Datum war für Clorindo Testa allerdings nicht relevant. Die Anknüpfungspunkte seiner Architektur lagen nicht bei den Smithsons, sondern direkt bei Le Corbusier, dem einzigen von Testa anerkannten Vorbild. Gemeint war aber nicht der junge Le Corbusier, sondern der reife Architekt der Unité d'habitation in Marseille mit ihrer expressiven Formensprache und ihrem béton brut, einem grob verarbeiteten und roh belassenen Sichtbeton. Wie Le Corbusier, ging es auch Testa um die Echtheit der Architektur, darum, Bauten als das zu präsentieren, was sie sind: Form und Raum, aber nicht nur das, sondern genauso sehr Konstruktion und Materie, vor allem aber der Rahmen, in dem das Leben der Menschen stattfindet.

Neben Le Corbusier, lag ein weiterer Anknüpfungspunkt bei Giuseppe Terragni. Das Interesse, die formalen und räumlichen Gestaltungsmöglichkeiten von Skelettkonstruktionen zu erkunden, brachte Testa in die Nähe zum Meister des italienischen Rationalismus. Wie Terragni, ging es Testa nicht allein um eine Bloßstellung des Tragwerks, sondern um die Thematisierung des Gerüsts von Stützen und Balken als räumliches Gebilde, das eigenen geometrischen und ästhetischen Gesetzen folgt. Sein nicht nur in dieser Hinsicht sehr dezidierter Entwurf für Santa Rosa de La Pampa erinnert wegen seiner visionären Kraft an konstruktivistische Zeichnungen der zwanziger Jahre, allen voran an die "City in Space" von Frederick Kiesler aus dem Jahr 1925, steht aber vor allem mit Terragnis Casa del Fascio in Como von 1932-1936 im Zusammenhang. Inspirierend dürfte die Deutlichkeit gewirkt haben, mit der sich hier das Gerüst von Stützen und Balken von den Ebenen, die den Raumabschluss bilden, löst und eine dreidimensionale Fassadenkonstruktion entstehen lässt; in den obersten Geschossen befreit Terragni das Tragwerk ganz und lässt es frei im Raum stehen. Die Thematisierung der Konstruktion in ihrer formalen und räumlichen Eigenständigkeit setzte Terragni auch später, unter anderem bei seinen Wettbewerbsbeiträgen für den Palazzo del littorio von 1937 und dem Palazzo di ricevimenti e die congressi von 1937-1938, beide in Rom, fort.

Mit seinem Entwurf für die Banco de Londres y América del Sud von 1959-1966 ging Testa einen Schritt weiter. Die Integration von Stadt und Architektur, die dieses Gebäude beinhaltet, findet sich in einer vergleichbaren Schärfe im Verwaltungsgebäude der Ford Foundation in New York von Kevin Roche und John Dinkeloo wieder, das allerdings erst später, nämlich 1963-1968 realisiert wurde. Die nach einem Wettbewerbsentwurf von 1962 im Laufe der nächsten Jahrzehnte nur sehr langsam gebaute und im Grunde bis heute nicht befriedigend fertiggestellte Biblioteca Nacional steht unmittelbar im Zusammenhang mit den Arbeiten der japanischen Metabolisten um Kenzo Tange. Vom Maßstab und der städtebaulichen Präsenz her ist sie vergleichbar mit den Großprojekten der sechziger Jahre; Konzept und Form des Gebäudes erinnern an das sehr viel kleinere, von Kiyonori Kikutake in Tokio gebaute "Sky House" aus dem Jahr 1959.

Durch ihre Nähe zur internationalen Avantgarde, durch ihre Originalität, formale Konsistenz und inhaltliche Ausrichtung stellte Testas Produktion der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre einen der bedeutendsten lateinamerikanischen Beiträge zu einer Weltarchitektur dar.

Im Unterschied dazu, scheint Testa in seiner zweiten Schaffensperiode eher auf Distanz zur internationalen Szene gehen zu wollen. Statt um Universalität geht es ihm nun sehr konkret um die Situation vor Ort. Aus ihr heraus will er eine lebendige Architektur entwickeln, praktisch wie künstlerisch. Wie schon in den fünfziger Jahren, handelt er aus einem Gefühl der Unzufriedenheit mit der zum International Style verkommenen Moderne heraus. Erneut bedeutet seine Kritik aber kein Verzicht auf die inhaltlichen wie formalen Errungenschaften der Moderne. Im Unterschied zur Vorzeit, strebt Testa aber keine Internationalität mehr an. Vielmehr sollen seine Bauten nicht mehr sein als die für einen Ort und für einen bestimmten Zeitpunkt angemessenen Antworten. Ort und Zeit sind dabei sehr konkret gemeint. Von der Topografie und den klimatischen Verhältnissen bis hin zur gebauten Umwelt geht es ihm sehr genau um das, was sich von einem Ort sinnlich erfassen und erleben lässt. Eine Architektur, die sich auf diese Bedingungen einlässt, wird zwangsläufig die Sinne ansprechen wollen, durch ihre formale Präsenz, durch die Räume, die sie schafft, durch die Konstruktionen und Materialien, die sie verwendet. Bezugspunkte findet Testa genauso in den traditionellen Bauweisen und den historischen Bauten vor Ort wie in der Architektur der Moderne und auch der Postmoderne, die zu der Zeit Argentinien erreichte.

Statt sich im internationalen Kontext zu isolieren, reiht sich das Werk von Clorindo Testa aber gerade durch diese Haltung in die weltweit und an den unterschiedlichsten Orten geleisteten Versuche einer regionalen Baukultur ein, die Kenneth Frampton in einer Kategorie mit dem Namen "Kritischer Regionalismus" zusammenfasste. So gesehen ist das Werk von Testa in den achtziger und neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als ein Beitrag zur weltweiten regionalen Vielfalt im Bereich der Architektur zu werten. Wie in seiner ersten Schaffensperiode, gelingt es ihm damit auch in dieser Zeit den Bedingungen in seiner Heimat Argentinien gerecht zu werden und sich zugleich auf einem internationalen Niveau zu positionieren. Doch die Vorzeichen haben sich geändert. Basierte die Architektur von Testa in den fünfziger und sechziger Jahren in erster Linie auf sein Verständnis der internationalen Entwicklung, liegen die Wurzeln seiner Architektur nun vor allem in Argentinien.

Erfolg hatte Clorindo Testa in seiner Heimat in beiden Perioden. Zu messen ist dieser nicht allein an der Zahl und der Bedeutung der von ihm realisierten Objekten, sondern insbesondere an der Identifikation der Fachwelt und der Menschen in Argentinien insgesamt mit seinem Schaffen. Worauf diese Identifikation basiert, woher die Arbeiten von Testa ihre Kraft beziehen und ihr internationales Niveau, das soll im Folgenden durch die Betrachtung der besonderen Lebensgeschichte dieses Architekten besprochen werden. Es geht dabei um Persönliches, um seine familiären Herkunft, um seine Talente, um seinen besonderen Lebensweg, aber auch um den gesellschaftlichen und historischen Rahmen, in dem er sich entwickelte, in Buenos Aires, der Stadt, in der er groß geworden ist, und in Argentinien, dem Land, das ihn letztendlich groß machte.

Inhalt

Clorindo Testa
Portrait eines Architekten und einer Architektur

Die Erste und die Dritte Welt: Der internationale Kontext
Der lokale Kontext: Argentinien, 20. Jahrhundert
Zwischen Ceppaloni und Santa Rosa de La Pampa
Lebensraum Buenos Aires
Entfaltung einer Sensibilität
Die Suche nach dem eigenen Weg
Herausforderungen: Öffentliches Leben, Stadt und Architektur
Auf schöpferischer Distanz
Kunst und Politik

Die Architektur von Clorindo Testa
Internationalismus und Avantgarde
Ein frühes Werk von großer Reife: The Civic Center of Santa Rosa de la Pampa
Was bleibt, ist die Stadt: The Bank of London and South America
Der Kopf der Nation: The National Library
A twentieth century patio house: The Guido di Tella Residence
Wie ein Schiff: The Central Naval Hospital
Raum und Struktur: The Apartment House Calle Rodríguez Peña
Eins oder zwei: The Apartment House Calle Castex



Geist, Zeit und Architektur
Phantastischer Realismus
Einheit von Kunst und Architektur: The Cultural Center of the City of Buenos Aires and Buenos Aires Design Center
Das Haus des Architekten: The "Capotesta" Beach House
Eine Form, ein Raum, eine Konstruktion: "La Tumbona" Beach House
Die Stadt und das Meer: "La Perla" Beach Complex
Alt und neu: The Ghirardo Residence
Eine Architektur des irdischen Friedens: The Soka Gakkai International Auditorium
Architektur, Kunst und Struktur
Einfach und komplex in einem: The "Altera" Art Gallery
The Future: Back to baroque? – The Notaries Association Building

Bibliography

© 2000 Manuel Cuadra

Für: Niederländisches Architektur Institut NAI, Rotterdam
"Clorindo Testa Architet" ist erschinen bei: NAI publishers, Rotterdam

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